Foto-Objekte

Dies ist der Schlußstein zu einem Riesenprojekt: Ein internationales, interdisziplinäres Forschungsvorhaben, das von einem Netzwerk von Forscherinnen bearbeitet wurde, die am Kunsthistorischen Institut in Florenz, dem Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin sowie der Antikensammlung und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen Berlin angesiedelt waren oder noch sind. Dazu kamen Künstler, die teils eigens geschaffene Arbeiten beisteuerten.

Das zentrale Thema ist die Materialität von fotografischen Abbildungen und damit ihre materielle Präsenz, ihre Transformationen und ihre Schicksale in den Archiven der Kultur- und Forschungsinstitutionen.
Zwei Jahre nach der Ausstellung in der Kunstbibliothek am Kulturforum in Berlin ist nun auch das Buch fertig, der weit mehr ist als ein Ausstellungskatalog.

Die Gestaltung des Buchs ist eine Reflektion über mehrere Themenkreise: Zuerst natürlich über die angemessene Wiedergabe von fotografischen Dokumenten, zum anderen aber auch über den besonderen Charakter dieses Forschungsverbundes, der den Gedanken des Austauschs über Methoden und Erkenntnisse und zum zentralen Motiv der Arbeit gemacht hatte. Dies spiegelt sich in der überdurchschnittlich hohen Dichte der Querverweise innerhalb des Buchs wider.

Unboxing Humboldt

Gestern kam der Katalog zur Humboldt-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums aus der Druckerei! Die Druckerei (Cuno-Druck, Kalbe) hat hervorragend gearbeitet; wir sind zufrieden, die Auftraggeber sind zufrieden!

Bei der Entwicklung des Konzepts haben wir uns von einem historischen Vorbild leiten lassen, das uns David Blankenstein, einer der Ausstellungsmacher, zeigte: Einem Satz sogenannter Interimsbände von Alexander von Humboldt. Das waren nur provisorisch gebundene Bücher, quasi Broschuren mit einem Papierumschlag, die darauf warteten, ‹richtig› gebunden zu werden. Übersetzt haben wir das in einen trotz seiner Größe auffallend leichten Band mit einem offenen Rücken, den wir dank einer neuen Geheimtechnologie auch ohne Extrakosten mit einer Rückenzeile bedrucken können. Und für die Blindprägung des Einbandkartons haben wir uns an das ‹Weiße Album› der Beatles erinnert.

Langlebiges Design

Im Jahr 2006 erhielt blotto design, die vorige Inkarnation von Troppo Design, den Auftrag für das Redesign der «kritischen berichte», einer Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaft. Wir entwickelten für die 4 jährlichen Ausgaben eine Modifikation der 4 Quadranten des Covers, die sich im Uhrzeigersinn über dem nach außen gekehrten Inhaltsverzeichnis vollzieht. Note the subtle shade progression of the red. In der Tat wird außer dem groben 2-jährigen Quadranten-Zyklus auch noch von Ausgabe zu Ausgabe eine graduelle Variation der roten Farbe durchlaufen, was aber nur auf Papier richtig überzeugend aussieht. Dieses Konzept ist parametrisches Design in geradezu schulbuchmäßiger Strenge, das in der Rückschau über die 45 Ausgaben der letzten 11 Jahre genau die Wirkung entfaltet, die wir uns damals vorgestellt hatten.

Wir danken dem Ulmer Verein für seine Treue zu unserem Konzept und für die Scans der Umschläge.

Die 4 Evanglien als Synopse


Die inzwischen schon 25 Titel lange Liste von «All The World’s A Page» ist um einen weiteren länger: Gerade noch so im Lutherjahr erscheinen die vier Evangelien des Neuen Testaments zusammen auf einem Plakat von 70×100 cm. Das Besondere ist die Verlinkung der korrespondierenden Kapitel der einzelnen Texte.

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Die ursprünglich in griechisch verfassten Evangelien des Neuen Testaments erzählen in äußerst losem Bezug zu einem möglichen historischen Geschehen jewelis eine eigene Version der Gerschichte von Jesus Christus. Die formal und inhaltlich verwandteren Texte von Lukas, Markus und Matthäus weisen dabei untereinander eine größere Anzahl von Überschneidungen auf als mit dem von Johannes.
Die meisten Thesen gehen davon aus, dass die Evangelien entweder von Markus oder Matthäus zuerst existierten und dann der jeweils zweite und Lukas Teile davon sowie weitere eigenen Quellen in ihren Fassungen verarbeitet haben.
Das Johannes-Evangelium scheint in diesen Theorien kaum eine Rolle zu spielen, es ist auch mit dem größten Abstand zu den beschriebenen Ereignissen verfasst worden (erst ca. 100 n.Chr.).
Neben diesen 4 sogenannten «Kanonischen Evangelien» gibt es mindestens 5 weitere, die sogenannten Apokryphen, die nicht in das Neue Testament aufgenommen wurden.
Die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen den Evangelien ist ein altes theologisches Thema, bekannt als das «synoptische Problem». Ebenso gab es auch Versuche, die einzelnen Evangelien zu einem einzigen Text zusammenzufassen, der «Evangelienharmonie», die aber nur in der syrischen Kirche gebräuchlich war.
Die von uns verwendete Textfassung basiert auf der in diesem Jahr veröffentlichten aktualisierten Übersetzung von Martin Luther.
Die Texte wurden in eine Datenbank übernommen, aus der die mehrfach vorkommenden Absatzüberschriften in eine Referenzliste exportiert wurden. Diese Referenzliste wurde als Textbasis für ein von Timo Rychert für uns geschriebenes basil.js-Script verwendet, das in InDesign alle Vorkommen der referenzierten Textstellen mit dem «Eva-Mitschke-Gedenkbogen» verbunden hat.
Zu kaufen gibt es das Plakat bei «All The World’s A Page».
Die vier Evangelien des Neuen Testaments
nach der Bibelübersetzung von Martin Luther
1 Seite, zweifarbiger Druck
70 × 100 cm, plano
All The World’s A Page
1. Auflage, Berlin 2017

Programmierte Typografie

Wie die Studierenden in ihrer Pressemitteilung schrieben, ackerten sie sich durch philosophische und designtheoretische Positionen sowie verschiedene Programmiertechniken. Die Ergebnisse haben wir im Island gefeiert!

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John Cage, Buckminster Fuller, Karl Gerstner, Hans–Jörg Rheinberger, das Desginstudio Moniker u. a. eröffneten den Studierenden eine neue Welt. Mit dem Bewusstsein, Designprozesse systematisch gestalten zu können und nicht nur einzelne Produkte, untersuchten sie das System als Denkmodell und Entwurfsmethode. Mit der Software ‹basil.js› und ‹processing› konnten sie ihr – bisher vorwiegend printorientiertes – Gestaltungsrepertoire erweitern.

Team: Anna Heinrich, Anne Richter, Artur Parutkin, Darius Vaheb, Dennis Gusko, Dorothée Schraudner, Elisaveta Liubcenco, Felix Hartig, Insa Wagner, Jens Schnitzler, Johanna Kunkel, Katharina Spegel, Linda Rammes, Lucas Kramer, Lukas Siemoneit, Malena Sell, Martin Rosenthal, Milena Bolland, Natalie Forster, Ottilie Karrer, Pia Schröer, Sofia Star, Thomas Stempel

Stil System Methode
Eine Ausstellung zu systemorientiertem und automatisiertem Design
Ausstellung am 29./30. März 2017 im Island Hamburg
Betreuung: Prof. Heike Grebin (Design), Dr. Timo Ogrzal (Theorie), Timo Rychert (Technologie)

HAW Hamburg, Department Design, Wintersemester 2017

Lob für «Vineta»

Peter Lindhorst hat in der aktuellen Ausgabe der Photonews eine Rezension zum Buch «Vineta» veröffentlicht, die mir und dem Verleger wie Musik in den Ohren klingt – nicht nur weil sie des Lobes voll ist, sondern auch, weil sie so schön geschrieben ist.

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Dieses Mädchen. Steht da und rührt sich nicht. Schaut mich unverwandt an, ich blicke zurück. Als ich ein «Hallo» rufe, erwidert es den Gruß nicht. Das Mädchen drückt sich in eine Ecke, in der unverputzte Mauern zusammenlaufen. Eine Lücke klafft in der Wand. Plötzlich gibt es mir mit seinem Blick zu erkennen, dass ich ihm folgen soll. Ich zwänge meinen Körper durch das Loch und taste ich mich im Dunklen vor. Das Mädchen bewegt sich so geschickt vorwärts, dass ich ihm kaum folgen kann. Als ich um eine Ecke stolpere, schallt mir Musik entgegen. Plötzlich stehe ich vor einem Ausgang, durch den Licht flutet. Beim Ausstieg sehe ich einen Mann mit bizarrem Kopfschmuck und Showmaster-Sonnenbrille, der auf einer Parkbank sitzt und Mundharmonika spielt.

Sein elegischer Blues folgt mir, während ich an verrammelten Türen, verwitterten Fassaden und eingefallenen Mauern längs schreite. Zu gerne würde ich dem Mädchen Fragen stellen. Aber es ist verschwunden. An eine Wand hat jemand «Wir sind ein blödes Volk» gepinselt. Mir begegnen Kinder, die, als ich näher komme, stehen bleiben und jede meiner Bewegungen mit ernstem Blick verfolgen. Ich stolpere über einen Haufen Mauerziegel, bewege mich durch schattige Hinterhöfe, vorbei an einem Anhänger, auf dem Küchengerätschaften zum Abtransport aufgetürmt sind. Hinter einer Milchglasscheibe sehe ich die Umrisse einer Person. Um zu wissen, wo ich mich befinde, klopfe ich ans Fenster. Ein Mann beugt sich heraus und erklärt kopfschüttelnd, dass ich mich in meine Fantasie verirrt habe. Das verlorene Mädchen, fügt er hinzu, stamme vom «Vineta»-Cover.

Und dann besinne ich mich. Tatsächlich liegt das Buch von Andreas Trogisch seit Wochen zum Besprechen auf dem Schreibtisch. Unzählige Male habe ich das Cover-Girl betrachtet, das Buch geöffnet, bin durch die Seiten gewandert, habe mir mit stockendem Atem die Arbeiten angeschaut, mich tief in die Fotos versenkt und die Geschichten, die dort nur angedeutet sind, einfach weitergesponnen. Dabei passiert etwas, was kaum erklärbar ist: Nicht ich verschlinge das Buch, es ist umgekehrt. Ich ergebe mich der dunkel lockenden Bilderwelt von Andreas Trogisch, die meine Einbildungskraft jedes Mal aufs Neue befeuert. Das geht mir schon seit der Begegnung mit Trogischs Debüt „Desiderata“ so. Weitere Arbeiten folgten, die vom Verleger Hannes Wanderer, ebenfalls ein glühender Trogisch-Bewunderer, in kongenialen Büchern umgesetzt worden sind. So auch dieses Mal.

Das neue Buch besticht durch die Konstruktion: zwei verflochtene Serien, die vor und nach dem Mauerfall entstanden sind. Dazu hat Trogisch aus der Tiefe seines Archivs eine Porträtserie aus Ost-Berlin geborgen. Die Zeit scheint für die Akteure 1985 bleiern stillzustehen. Über das Geschehen haben sich Schatten gelegt. Dass es Schatten sind, die von großen Ereignissen vorausgeworfen werden, ahnt niemand. Beeindruckt bin ich über das, was die Fotos erkennbar widerspiegeln: die Intensität der Begegnung zwischen Fotografen und seinem Gegenüber. Jene Porträts werden geschickt eingebunden in eine Serie, die direkt nach dem Mauerfall Berliner Stadtlandschaften zeigt. Die DDR ist abhanden gekommen. Untergegangen wie Vineta, jener geheimnisvolle Ort, den einst jedes Kind im Osten kannte und der Trogischs neuem Buch den Namen leiht. Die Ostseestadt war der Sage nach auf den Meeresgrund gezogen wurden, weil sich deren Bewohner hochmütig verhalten hatten. Nicht Stolz, sondern Zweifel ist vorherrschend bei denen, die nun in den veränderten Verhältnissen gezwungen sind, sich neu zu erfinden. Doch Menschen spart Trogisch in seiner Serie von 1990 völlig aus, stattdessen zeigt er uns einen Ort voll poetischer Eintönigkeit, in dem sich die Metamorphose der Gesellschaft, die neu gewonnene Freiheit und gleichzeitige Unsicherheit höchstens erahnen lässt. Trogisch beherrscht wie kaum ein anderer die hohe Kunst, das Kunstförmige seiner Fotografie hinter dem Erzählerischen verschwinden zu lassen und umgekehrt. Das Buch füllt mich mit tiefem, anhaltendem Erstaunen. Ein Erstaunen über die Möglichkeit der Fotografie, einen Zustand gedanklichen Wegschwebens zu erwirken.

Der Mann schließt sein Fenster. Ich lasse mich treiben durch Vineta, wo denkwürdige Dinge geschehen: Junge Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen berichten von ihrer Vorliebe für Hardrock. Ein wild gestikulierender Mann baut sich vor mir auf. Auf eine Wand ist eine mathematische Formel gesprüht. Schließlich betrete ich einen Laden, dessen Scheibe eine aufgemalte Kaffeetasse schmückt. Dort halte ich inne und bedaure, das Mädchen verloren zu haben. Also nehme ich mir vor, zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Das ist nicht schwer, dazu muss ich nur noch einmal das Buch öffnen.

Peter Lindhorst, Photonews September 2016

Andreas Trogisch: Vineta

«Vineta, das war eine Art Ost-Atlantis. In den Polytechnischen Oberschulen der DDR kannte jedes Kind die Sage von der Stadt, die in der Ostsee untergegangen war. Die untergehen musste. Denn Vinetas Bewohner waren undankbar gewesen. Sie wussten nicht zu schätzen, was sie hatten. Selbst eine letzte dringende Warnung vor ihrem eigenen Ende schlugen die Vineter in den kühlen Ostseewind. Am Ende riss eine Sturmflut die Stadt mit Mann und Maus hinab auf den Meeresgrund. Bis heute meinen Spökenkieker, Vineta tief unten am Grund schauen, die Schläge der goldenen Kirchenglocken aus dem Wellenrauschen heraushören zu können. […]

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Die Vineter missachteten, was sie hatten. Nicht ihre Schuld. Schuld war das große Fremdgewordensein mit dem eigenen Land. Schuld war die kleine innere Freiheit, die jeder sich abgesteckt hatte wie ein Gärtchen. Eine Freiheit, die mehr galt als ein gültiger Pass. Ein Verbundensein unter den Hiergebliebenen, ein Loslassen der Flüchtenden, ein Sehnen nach dem Anderen, von dem man doch nicht so recht wusste, was das sein soll.»
(Aus dem Begleittext von Anja Maier)

Andreas Trogisch: Vineta
118 Seiten, 55 Schwarz/weiß-Abbildungen in Triplexdruck
18,1 × 25 cm, offene Fadenheftung, Schutzumschlag, Englisch/Deutsch
Mit einem Text von Anja Maier
Peperoni Books, Berlin 2016

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